Das Schätzen der Dauer von bestimmten Aufgaben ringt mir entweder enorme Disziplin oder falsche Ergebnisse ab. Zu aller erst wollte ich an dieser Stelle kurz beschreiben wie ich die tatsächliche Programmierarbeit im Alltag anpacke. Aber nach kurzer Reflexion wurde mir klar, dass das nicht von Nöten ist. Die Frage wie man Software-Entwicklungspakete schätzt hängt nur zu einem kleinen Teil davon ab wie man sie in Angriff nimmt.
Ich bin jetzt bald 5 Jahre in der Privatwirtschaft als professioneller Entwickler tätig. Da schnappt man zwangsläufig auf wie das eine oder andere Projekt geplant wurde, wie es ablief und wie die einzelnen Kollege schätzten und wie genau sie damit waren. Gute Voraussetzungen um auch selbst das Schätzen von Programmieraufgaben gut hinzubekommen. Und doch, wenn ich gefragt werde wie viel Zeit eine bestimmte Aufgabe wohl in Anspruch nehmen wird stocke ich kurz. In meinem Hirn beginnt es zu rattern. Ich stelle mir dann immer folgende Fragen:
- Geht das?
- Wie geht das?
- Was muss ich machen?
- Welche Schritte werde ich durchführen um den SOLL-Zustand zu erreichen?
- Wie lang werden die einzelnen Schritte es zu bauen dauern?
Und wenn ich mich nicht sehr zusammen reiße, mir sprichwörtlich auf die Lippe beiße, haue ich gleich eine Schätzung raus. Als Basis verwende ich in diesen Momenten 30 Sekunden Überlegungen. 30 Sekunden! Was ist das schon wenn man ein Problem analysieren muss?
Heute, während ich mir die Zähne putzte und schon wieder um 10 Minuten zu spät dran war, kam ich auf die Frage wie ich wohl die Zeit im Band jeden Morgen schätzen würde. Gehen wir es einfach nach dem oben gefundenen Fragenkatalog an:
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Geht das? | Die Konkurrenz tut es. Die Kunden tun es. Wir können es auch. Ja. |
| Wie geht das? | Hygieneartikel vorausgesetzt, werden eben diese großflächig oder punktuell – wiederum abhängig vom Hygieneartikel – aufgetragen und angewendet. |
| Was muss ich machen? | Ich muss mich waschen und kämmen. |
| Welche Schritte werde ich durchführen um den SOLL-ZUSTAND zu erreichen? | Zu aller erst muss ich mir die Zähne putzen. Die Nötigen Tools habe ich, auch Zahnpasta, die zwingend vorhanden sein muss, ist im Kästchen. Duschgel sowie Dusche mit frei hängendem Brausekopf sind bereits im Haus. Eben diese wird in Betrieb genommen, der Körper nass gemacht um anschließend eingeschäumt zu werden.
Wenn eine optimale Schaumabdeckung erreicht ist, wird eben der Schaum mit Wasser – Temperatur ca. 5° über der eigenen Körpertemperatur – abgespült bis alle Reste des Duschgels abgewaschen sind. Danach muss der Körper mit einem Handtuch trocken gerieben werden. Wenn eine optimale Trocknung erreicht ist, kann mit dem Kämmen begonnen werden. Wenn der Kamm das Haar ohne hängen zu bleiben durchfahren kann, ist der Zielzustand erreicht. |
| Wie lange werden die einzelnen Schritte es zu bauen dauern? | Zähneputzen 3 Minuten. Duschen 10 Minuten. Kämmen 2 Minuten. Projektlaufzeit: 15 Minuten. |
Hört sich nach einer seriösen Schätzung an, oder? Dann sehen wir uns die Projektumsetzung aufgrund dieser Schätzung einmal in der Praxis an:
Projektstart: Ich habe verschlafen und bin schon einmal 10 Minuten zu spät dran. Doch das hält mich nicht auf. Schnell in’s Bad: Zahnbürste und Zahnpasta gepackt, Zähne putzen und tatsächlich 3 Minuten später blitzt das Kauwerkzeug. Ab in die Dusche. Herrje, die Haare sind schon ganz fettig und gehören auch gewaschen. Als werden diese mit einem Shampoo eingeschäumt bevor der restliche Körper mit Duschgel behandelt werden kann. Danach die Haare und den Rest abspülen. Herrje, ich bin schon 3 Minuten über der Zeit. Schnell in’s Handtuch um sich den Haaren widmen zu können.
Während ich mir die nassen Haare kämme, bemerke ich, dass der Bart schon wieder zu lang ist. Nachdem die Haare glatt nach hinten anliegen schäume ich mein Gesicht ein und kratze mit dem alten Rasierer gegen den Strich die schwarzen Stoppel aus selbigen. Gesicht abspülen. Nun bemerke ich, dass Blut aus den neu geschnittenen Mikro-Löcher im Gesicht quillt. Ärgerlich tupfe ich es ab doch es stehen gleich wieder die kleinen Blutperlen auf der Haut. Ich entscheide mich die Löcher mit Creme zu stopfen und schmiere das Gesicht ein. Nun bin ich insgesamt schon 8 Minuten drüber.
Nachdem mir kein Blut mehr über die Lippe tropft, lege ich den Rasierer zurück in’s Kästchen. Dabei bleibt mein Blick auf den Wattestäbchen hängen. Ich schnappe mir welche und sorge dafür, dass ich den restlichen Tag ein Stechen in den Ohren habe. Somit bin ich 10 Minuten drüber.
Nachdem ich dann auch noch Deo aufgetragen habe wird es Zeit für das Fönen. Die Haare sind wieder trocken worauf ich sie erneut kämme. Ich bin 15 Minuten drüber, schlüpfe in Hose und T-Shirt und bin fertig. Ich habe die doppelte Zeit von der geschätzten Zeit gebraucht. Warum?
Zum einen weil ich furchtbar langsam im Bad bin und zum anderen weil ich hauptsächlich die Frage nach der Möglichkeit beim Schätzen im Kopf hatte. Ich bin kaum darauf eingegangen was schief gehen kann, habe mir nicht die Zeit genommen noch einmal zu überlegen welche Möglichkeiten ich vergessen (Haare waschen, Fönen) könnte oder was Situationsabhängig (Rasieren) ist. Das hat sich alles gerächt.
Deshalb beiße ich mir häufig auf die Lippe und überlege noch einmal bevor ich eine Zeit nenne.


